Der Kirchbau

Der Kirchbau

Der Plan, eine neue Kirche zu bauen, war bereits 1885 gefasst worden. Das Bedürfnis und Verlangen nach einer neueren, größeren Kirche entsprang sicherlich dem stetigen Anwachsen der Bevölkerungszahl. Das Fischerdorf Tutzing hatte sich zum beliebten Ausflugsziel, mehr noch zum gesuchten Siedlungsplatz und Wohnort entwickelt. Gleichzeitig schritt der Verfall des Gotteshauses St. Peter und Paul so unaufhaltsam voran, dass es nur Schlaudern, die Klammern eiserner Zugstangen, vor dem Einsturz bewahrten. Dass erst 44 Jahre später eine neue Kirche eingeweiht werden konnte, ist ein Zeichen für die vielfältigen Probleme, die das Bauvorhaben mit sich brachte. Mit der Unterstützung von Pfarrer Monsignore Schmid hatte sich fast ein halbes Jahrhundert vor der Grundsteinlegung der „Kirchenbauverein“ gebildet. An der Spitze des 1888 gegründeten Vereins standen der praktische Arzt Hofrat Dr. Hans Beisele, der Gastwirt Anton Elsperger, der Notar Karl Hacker, der Maurermeister Knittl, der Bürgermeister Martin Konrad, der Ingenieur Engelbert Schnell, der Pelzwaren-Fabrikant Oskar Schüler, der Metzgermeister Peter Bockmayr und der Malermeister Otto Feldhütter.

 Interessant ist, dass die tragenden Kräfte für den Kirchenbau nicht aus den einheimischen Fischergeschlechtern kamen, sondern Repräsentanten des damaligen Bürgertums waren. Die Hauptaufgabe des jungen Vereins war es, Geld für das Bauvorhaben anzusammeln. Deshalb fanden Sammlungen, eine Lotterie und 1898 ein großer Basar statt. Allerdings wurde man sich jahrelang wegen des Standortes der Kirche nicht einig. Auch damals schon spielten geschäftliche Interessen eine große Rolle. Vor allem die Hoteliers und Gastwirte wünschten, auch die neue Pfarrkirche am See zu errichten, denn sie fürchteten, ihre Sonn- und Feiertagskundschaft zu verlieren. Es gab auch Vorschläge die alte Pfarrkirche zu erweitern. Der Schlossherr, Pfarrer Simon Schmid, die Gemeindeverwaltung und mehrere Mitglieder der Kirchengemeinde wollten das Gotteshaus außerhalb des Ortes auf einer Anhöhe bauen. Nur das ermöglichte ein Wachstum des Dorfes durch die Bebauung der jetzt brach liegenden Bauplätze, argumentierte Graf Landberg. Pfarrer Schmid lehnte den alten Platz wegen der schlechten Bodenverhältnisse ab. Nach langwierigen Verhandlungen, unter Vermittlung von Kommerzienrat Mooser, überließ 1897 die gräfliche Familie Landberg der Pfarrgemeinde zweieinhalb Tagwerk Land als Bauplatz für die neue Kirche. Auflage war aber, die Straße, ausgehend von der Traubinger Straße, bis zur Einmündung in die Bahnhofstraße, mit Überbrückung des Martelsgrabens in zehn Meter Breite, zu bauen. Das Ergebnis war die Kirchenstraße, die fünfzehn Jahre später 28.000 Mark kostete. Gelder wurden gesammelt, zum Bauen aber kam man nicht, denn auch damals war die Stilfrage umstritten. Die Meinungen über vorgeschlagene Entwürfe gingen zu weit auseinander. 1897 bestellt Kommerzienrat Kustermann von Professor Georg von Hauberisser, dessen Name eng mit dem Bau des Münchner Rathauses verbunden ist, einen Bauplan. Die Kirche sollte im Neugotischen Stil entstehen. Aus Kostengründen kam ein Entschluss jedoch nicht zustande. Daraufhin fertigte Hauberisser einen neuen Entwurf in Neubarock an. Doch auch die Kosten für dieses Projekt waren von vornherein zu hoch. Mit zunehmendem Alter verlor Professor Hauberisser das Interesse am Kirchenbauprojekt.

1889 hatte der Tutzinger Bauingenieur Engelbert Schnell erstmals Pläne, sowohl für die Erweiterung der alten Pfarrkirche am See, als auch für ein neues Gotteshaus nördlich der Ortschaft entworfen und vorgelegt. 1912 bis 1913 setzte er sich erneut an den Zeichentisch, um eine neue Kirche zu entwerfren. Doch bevor der neue Pfarrherr Joseph Boeckeler den Anstoß geben konnte, das viel erörterte Unternehmen durchzuführen, brach der Erste Weltkrieg aus. Das beträchtliche Baukapital, in Höhe von 200.000 Mark, meist in Reichsanleihen angelegt, fiel dem Krieg und der späteren Inflation fast restlos zum Opfer.

Nach dem Verfall des Vermögens waren alle Hoffnungen zunächst am Ende. Der Kirchenbau schien in unerreichbare Ferne gerückt zu sein. Ein neuer Anfang wurde 1925 durh die Neubildung des Kirchenbauvereins geschaffen.

Die Ausschussmitglieder Franz Lidl, Johann Suiter und Xaver Knittel hatten die Sitzung im November 1925 beantragt, in welcher die Neubildung des Kirchenbauvereins beschlossen und durchgeführt wurde. Pfarrer Joseph Boeckeler, der 1913 sein Amt in Tutzing angetreten hatte, berief am Christkönigsfest Ende Oktober 1926 eine Versammlung der Kirchengemeinde in den Saal des Tutzinger Hofes ein. Durch seine sachliche, überzeugende und gleichzeitig motivierende Rede gewann er schließlich die begeisterte Zustimmung nahezu aller Anwesenden für den unverzüglichen Beginn zum Kirchenbau. Weitere aktive Förderer waren der Bürgermeister und Hauptlehrer Joseph Hörmann und der Postbote Franz Xaver Lidl, wachsamer Organisator und Kassier des Kirchenbauvereins.

Unterstützt wurde das ganze Vorhaben auch durch den Kirchenrat, dem damals die Herren Franz Bodemann, Simon Popp, Lorenz Pauli und Hans Gall angehörten. Sie hafteten zunächst sogar mit ihrem Privatvermögen für die einzugehenden Schulden. Trotz des halben Dutzends vorliegender Pläne entschloss sich der Pfarrherr, den anerkannten Münchner Architekten Richard Steidle mit dem endgültigen Entwurf der neuen Kirche und der obersten Bauleitung zu beauftragen. Von Steidle war auch die Franziskanerkirche in München-Giesing erbaut worden. Richard Steidle entwarf zuerst kostenlose Skizzen für den Kirchenbau in Neubarock, die in der Kirchengemeindeversammlung am 31.10.1926 vorgestellt wurden und fast einmütig Beifall fanden. Auch Joseph Boeckeler, der die Barockkirche Ottobeuerns als Vorbild gedacht hatte, war für die vornehme Schlichtheit der Kirche einzunehmen. Bereits einen Monat später, am ersten Adventssonntag, dem 28. November 1926, wurde das Baukreuz aufgestellt und es folgte der erste Spatenstich. Wegen der noch immer andauernden Geldbeschaffungsverhandlungen verzögerte sich der Baubeginn um ein weiteres Jahr. Es galt immerhin 370.000 Mark, die Gesamtkosten des Bauvorhabens, aufzubringen.

Das Baukapital konnte nur auf dem Anleiheweg beschafft werden. Nach der Ablehnung verschiedener Banken vermittelte Cölestin Mayer vom Benediktinerkloster Schweiklberg die Kontakte zur Gilissen Bank in Amsterdam. 160.000 holländische Gulden (bei einem Ausgabekurs von 94% und 7,55% Zinsen) bildeten den stattlichen Grundstock. 50.000 Mark stammten vom katholischen Begräbnisverein und das Ordinariat Augsburg beteiligte sich mit 10.000 Mark Anleihe. Das Ordinariat übernahm später die Schulden beim Begräbnisverein und ebenso kurz vor dem Zweiten Weltkrieg die Rückzahlung der Schulden an die Holländische Bank.

Besonders zu erwähnen sind die beispiellose Spendenbereitschaft der Tutzinger Bürger und das Bemühen, das Spendenaufkommen zu erhöhen. Jahrelang gingen Frauen und Mädchen mit Sammellisten von Haus zu Haus, damit Zins und Tilgungslasten abgedeckt werden konnten. Auch am Baukreuz befand sich ein Sammelbehälter für Spenden. Die Bauvorbereitungen hatten rasche Fortschritte gemacht und noch im November 1927 wurde der Baugrund von der Firma Xaver Knittel abgesteckt, der Rasen abgestochen, die tiefe Baugrube unter dem Presbyterium (für den späteren Pfarrsaal) sowie die Fundamentgräben für das Längsschiff ausgehoben und 103 Waggons Kies von der Kiesgrube Seeshaupt zur Baustelle gebracht. Im sehr milden Winter 1927/28 konnte ganz durchgearbeitet werden, so dass bereits am 29. April 1928, dem Schutzfest des heiligen Joseph, die feierliche Grundsteinlegung durch Dekan Pfeiler aus Penzberg begangen wurde. Der Kirchenchor unter der Leitung von Ferdinand Kopp umrahmte den Festakt musikalisch. Bereits am 14. Juli 1928 konnte der Hebauf nach altem Brauch begangen werden. Der Rohbau war in 13 Monaten ohne nennenswerten Unfall errichtet worden. Alle Arbeiten waren fast ausnahmslos von ortsansässigen Handwerken und Geschäftsleuten ausgeführt worden.

Im darauf folgenden überaus kalten Winter 1928/29, in dem der See so stark zugefroren war, dass er mit Pferdefuhrwerken und Autos befahren werden konnte, musste geheizt werden, um schwere Kälteschäden von dem nicht ausgetrockneten Neubau fernzuhalten. Inzwischen waren auch die fünf Glocken erworben und herbeigeschafft worden. Um die größte der Glocken, die Christkönigsglocke, in den Glockenstuhl zu bringen, musste sogar ein Stück Mauerwerk an einem der Schallfenster ausgebrochen werden. Nach der Glockenweihe am 10. März 1929 war das Bauwerk soweit gediehen, dass der Tag der Kirchenweihe abzusehen war. So hatte Tutzing mit der in 14 Monaten erbauten Pfarrkirche einen neuen baulichen Mittelpunkt neben dem Schulhaus und dem Rathaus.

Am 23. Juni 1929 vollzog der Weihbischof von Augsburg Dr. Carl Reth die feierliche Einweihung der Pfarrkirche; ein großes und besonderes Fest für den ganzen Ort. Zuerst wurde die Weihe des Äußeren der Kirche zusammen mit dem dreimaligen Umgang vollzogen. Die anschließende Weihe des Innenraumes galt insbesondere dem Altar. Dekan Sailer, ein geborener Tutzinger, hielt die Festpredigt. Das Pontifikalamt wurde von Bischof Reth, dem Pfarrer Boeckeler assistierte, zelebriert. Es war der Höhepunkt und feierliche Abschluss der Weihe. Die musikalische Umrahmung erfolgte durch den Kirchenchor unter der Leitung von Oberlehrer Landrichinger sowie Bürgermeister Hörmann an der Orgel und den Chor und das Orchester des Liederkranzes. Es wurde die Messe „Salve regina pacis“ von Gruber aufgeführt. In dem Festakt der Einweihung war auch eine weltliche Feier mit einem Festmahl im Hotel Seehof eingeschlossen. Die allgemeine Freude und Dankbarkeit wurde in den Festreden ausgedrückt. Zu danken war vor allem Pfarrer Boeckeler, Bürgermeister Hörmann und dem Kirchenpfleger Franz Xaver Lidl, ohne die das neue Werk wohl nicht entstanden wäre. Am Abend des Festtages wurde noch in einer Feier des 50. Priesterjubiläums von Papst Pius XI. gedacht. Durch den Bau der 1929 fertig gestellten St. Joseph-Kirche mit ihren beiden 44 Meter hohen, das Ortsbild beherrschenden Türmen hat Tutzing sich ein markantes Wahrzeichen gegeben.